They see me rollin‘, they lovin‘ – e-Roller als Zukunft der städtischen Mobilität?

erstellt am: 06.05.2019 | von: Johannes Jungilligens | Kategorie(n): Berichte

Irgendwo zwischen Fluch und Segen fahren derzeit überdurchschnittlich viele e-Roller durch die Welt. Sind die kleinen, akkubetriebenen Roller tatsächlich die Zukunft der urbanen Mobilität, oder ein kurzfristiger Hype und morgen schon wieder verschwunden? Ich habe die e-Roller während eines Kurztrips in Prag einige Tage ausprobiert und ordne meine Erfahrungen und die darauf basierenden politischen Aspekte hier ein. Aufgeteilt ist dieser Text in zwei Teile: 1. „Die Erfahrung“ – eine Schilderung meines Eindrucks e-Rollern – und 2. „Die Schlussfolgerung“ – eine Aufzählung der Aspekte, die ich aus politischer Sicht für beachtenswert halte.

e-Roller [by Sean Davis is licensed under CC BY-NC 2.0]

e-Roller [von Sean Davis lizensiert unter CC BY-NC 2.0]

Die Erfahrung

Ich war für einige Tage in Prag und schon beim ersten Spaziergang in Richtung Stadtzentrum waren sie nicht zu übersehen: An jeder Ecke standen kleine, weiß-grüne e-Roller. Im Stadtbild weniger störend, als von mir vermutet; und in 99% der Fälle auch sehr anständig geparkt. Das Grundprinzip ist schnell erklärt: App runterladen, registrieren, via GPS-Standort den nächsten Roller (meistens weniger als 300m entfernt) auf der Smartphone-Karte lokalisieren, hinlaufen, den auf dem Lenker angebrachten QR-Code scannen. Der Roller wird freigeschaltet und ab geht’s – mit bis zu 25 km/h. Das ist – zumindest wenn man auf dem Roller steht – überraschend flott und gefühlt auch schneller als der*die „normale“ Radfahrer*in im Stadtverkehr. Beschleunigung (via Daumen über einen kleinen Hebel am rechten Lenker) und Bremsen (über eine standardmäßige Fahrrad-Bremse am linken Lenker) lassen sich ziemlich fein kalibrieren; die Beschleunigung ist erstaunlich schnell. Über ein Mini-Display in der Lenker-Mitte werden Geschwindigkeit und Akku-Stand angezeigt, parallel können über die App detailliertere Informationen über die Fahrt (Streckenverlauf, Mietdauer, Akku-Stand und geschätze Rest-Reichweite) angezeigt werden. In der App-Karte finden sind darüber hinaus Sperr-Zonen vermerkt, in denen der Roller nicht abgestellt werden darf – in Prag beispielsweise auf und rund um Brücken, in sehr weit außen liegenden Bezirken sowie im historischen Stadt-Kern (was wegen Touristen-Massen und Kopfsteinpflaster-Straßen eh ein Ding der Unmöglichkeit wäre).

["Lime Scooters" von afagen lizensiert untr CC BY-NC-SA 2.0]

Geparkte e-Roller [„Lime Scooters“ von afagen lizensiert untr CC BY-NC-SA 2.0]

Das Fahren ist (zumindest in Prag) nur auf Straßen und Radwegen erlaubt, nicht auf Gehwegen. Das ist einerseits sehr sinnvoll: Die Roller sind deutlich zu schnell für Fußwege; andererseits aber auch gefährlich: Zwischen Autos fällt man im Vergleich zu Fahrradfahrer*innen auf einem Roller kaum auf, muss aber gleichzeitig größeren Schlaglöchern oder deutlichen Unebenheiten wie alten Gulli-Deckeln etc. ausweichen – die Sturzgefahr ist sicherlich deutlich höher.

Gleichzeitig machen die Roller erstaunlich viel Spaß:

  • Deutlich „direkter“ und unkomplizierter als Radfahren,
  • deutlich schneller als zu Fuß gehen,
  • deutlich flexibler als Bus und Bahn,
  • deutlich umweltfreundlicher als Autofahren.

Tatsächlich so viel Fahrspaß, dass wir die Roller in Prag nicht nur zum pragmatischen Überwinden von Strecken gemietet haben, sondern teils auch einfach zum Herumfahren.

Am Ende der Fahrt können die Roller über die App entweder „pausiert“ (also für 10 Minuten reserviert geparkt) oder „ausgeloggt“ werden. In letzterem Fall sollten die Roller so stehen, dass sie keine Gehwege und Durchgänge versperren, ansonsten gibt es kaum Regeln. Nach Ende der Fahrt werden gefahrene Zeit, zurückgelegte Strecke und angefallene Kosten angezeigt. Im Beispiel Prag (Anbieter: Lime) kostet das initiale Freischalten eines Rollers ~1€ sowie ab dann jede gefahrene Minute ~8 Cent. Es lohnt sich also eher für längere Strecken, da der initiale Entsperrpreis immer berechnet wird.

 

Die Schlussfolgerung

Den Wandel umarmen

Nach den ersten Geh-/Fahrversuchen glaube ich tatsächlich, dass e-Roller auf Sharing-Basis auch in Deutschland sehr schnell sehr viele Freund*innen bekommen werden. Zudem sind die wirklich eine sinnvolle Erweiterung des aktuellen Mobilitäts-Repertoires und füllen die Lücke zwischen unflexiblem und oft unzureichend ausgebautem ÖPNV und dem Auto-gebundenen Individualverkehr. Sie sind niedrigschwelliger nutzbar als Leih-Fahrräder und nehmen parkend wenier Platz ein.

Für Städte und Kommunen ist es sinnvoll, den e-Scootern offen gegenüber zu stehen und sie als Chance für eine kleine Revolution der urbanen Mobilität zu begreifen. Weniger Auto-Verkehr in den Innenstädten muss das Ziel jeder zukunftsgerichteten Stadtplanung sein.

 

Die Regeln weitsichtig aufbauen

Gleichzeitg sind Städte sind gut damit beraten, von vorneherein angemessene Regeln für die kommende Revolution aufzustellen (how SPD ist that?!), damit sich Anbieter und Nutzer*innen gar nicht an erst schwer aufrechtzuerhaltende Freiheiten gewöhnen, mit denen andere Mobilitätsteilnehmer gefährdet werden.

  • Klare No-Parking-Zonen ausweisen
  • E-Scooter von den Gehwegen verbannen
  • Helmpflicht einfordern
  • Den Anbietern klare Regeln zum Einsammeln und Wiederverteilen leerer und defekter Roller auferlegen

Gleichzeitig sollte es nicht zu Knebel-Richtlinien und Gesetzen kommen, die die sinnvolle Nutzung der Scooter von vorneherein unterbinden.

 

Die Straßen fit machen

Nicht nur für die aktuellen e-Roller, sondern für die ganze Verkehrswende gilt als Grundvoraussetzung: Mehr Radwege! Radwege ausbauen und als „Rollwege“ verstehen – für alle aktuellen und zukünftigen Mobilitätsformen, die eben keine Autos, aber zu schnell für Fußwege sind. Und damit auch das krasse Missverhältnis in der Aufteilung der öffentlichen Flächen verschieben – weg von gefühlten 90% Fläche für Autos vs. 9% für Fußwege und 1% für Rad-/Rollwege). Innerstädtisches Autofahren wird in den nächsten Jahren (hoffentlich-höchstwahrscheinlich) eh massiv zurückgehen oder zurückgedrängt werden, da endlich andere Mobilitätsformen zur Vefügung stehen. Der Weg dafür muss jetzt bereitet werden.

Johannes Jungilligens

Autor: Johannes Jungilligens

Johannes ist seit 2009 Mitglied bei den Jusos Mönchengladbach. Er lebt in Mönchengladbach und Bochum (und im Zug) und vertritt sozialdemokratische Werte nach dem Motto "Keiner kann die Welt alleine verändern (und das ist gut so)". Johannes findet, dass mit vielen guten Ideen und vielen, die mitmachen, die Gesellschaft gerechter und offener gestaltet werden kann. "Gleiche Löhne für gleiche Arbeit, faire Aufstiegschancen unabhängig von der Herkunft und freiheitliches Denken als Rahmen für die volle Entfaltung jeder und jedes einzelnen sollten selbstverständlich sein, sind es aber leider nicht. Daran müssen wir arbeiten!"

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