Tour de France plus X

erstellt am: 13.04.2017 | von: Sebastian Laumen | Kategorie(n): angemerkt, Meinung

Am 2. Juli rollt die Tour de France durch die Stadt. Für die Stadt ein riesiger Marketing-Coup – sagen Stadt und große Teile der Politik. Vor einer Woche hat der Rat der Stadt Mönchengladbach nachträgliche Haushaltsmittel in Höhe von 192.500 Euro bewilligt. Die zu erwartende Werbewirkung sei unermesslich – so die Verantwortlichen. Das hört sich gigantisch an. Kann aber auch gegen Null tendieren.

tour de france

Die Tour nimmt Kurs auf Gladbach
© Sebastian Laumen/fotostock.jusos-mg.de

Man denke an die Hockey-WM. Ein riesen Image-Gewinn für Mönchengladbach – hieß es. Ok, außerhalb der Grenzen Mönchengladbachs und einer kleinen, elitären Gruppe Hockey-Begeisterter erinnern sich wohl nur wenige an WM oder Austragungsort. Aber immerhin verdanken wir ihr den Warsteiner Hockey- Sparkassen-Park. Und dass Mönchengladbach nun in den Tour-Kalendern nationaler und internationaler Show-Größen auftaucht. Insofern hatte die Hockey-WM zumindest eine sehr mittelbare Marketingwirkung.

Und nun also die Tour-de-France. Das größte Radsportereignis der Welt. In Mönchengladbach. Der Duft der großen weiten Welt, le savoir-vivre, Lavendelfelder. Man denke nur an die Marketingwirkung! Dafür kann man sich schon einmal krumm machen. Die Frage ist, wie krumm sich nun manche Ratsmitglieder gemacht haben. So krumm, dass sie allesamt mit Bauchschmerzen der Beschlussvorlage zustimmten oder ob sie wirklich an einen Image-Gewinn glauben, der gut 516.500 Euro + X wert ist?

Endgültige Kosten der Tour nicht kalkulierbar

100.000 Euro waren eh schon im Haushalt bewilligt und ein Teil der Summe (derzeit 194.000 €) wird durch lokale Sponsoren abgedeckt. Zusätzlich 30.000 € sponsert die 100%ige Stadttochter mags. Die wird nicht nur von der Stadt finanziert, sondern erhält Aufträge von der Stadt, deren Erfüllung sie der Stadt in Rechnung stellt. Die mags wird sich also auch um die zusätzliche Straßenreinigung vor und nach der Durchfahrt des Fahrerfeldes kümmern. Also rechte Tasche, linke Tasche, die Zahlen sehen besser aus.

Die große Unbekannte ist auch weniger als drei Monate vor der Tour das Sicherheitskonzept. Die endgültigen Kosten sind also aktuell noch nicht absehbar. Zugegeben: Gemessen am Gesamthaushalt sind eine halbe Millionen Euro nicht die Welt. Allerdings ist die Tour de France reiner Konsum. Und damit natürlich keine Investition. Das heißt, dass dem Haushaltstitel kein Gegenwert gegenüber steht. Auch wenn das „Marketingversprechen“ etwas anderes vorgaukelt. Wenn man sich jedoch anguckt, wie schnell man blind einem Marketingeffekt glaubt, während bei Haushaltsberatungen um ein paar Tausend oder Zehntausend Euro für die Wohnumfeldverbesserung gekämpft wird… also mir kommen da Zweifel an den Relationen.

Nutzen für Mönchengladbach „unschätzbar“

In Mönchengladbach für die Bürger – der Turmfest-Triathlon
© Sebastian Laumen/fotostock.jusos-mg.de

Dass die Tour de France ein Riesen-Event ist, steht außer Frage. Sie wird an dem Sonntag sicher auch viele Bürger aus den Stadtteilen in die Innenstadt locken. Ich glaube auch, dass es ziemlich cool wird. Ob 516.500-Euro-plus-X-cool – nun ja… Aber es werden tolle Bilder entstehen. Bilder, die sich in Image-Videos der Stadt richtig gut machen. Die man jahrelang wie einen Triumph von Borussia in Broschüren und auf Stellwänden abdrucken kann. Bilder, die so auch am Tag zuvor beim Prolog in Düsseldorf entstehen. Und am Sonntag beim Etappenstart in Düsseldorf sowie in Erkrath, Mettmann, Ratingen, Meerbusch, Neuss, Kaarst, Korschenbroich, Jülich, Alsdorf, Würselen, Aachen und schließlich im Ziel in Lüttich.

Man sieht, so ganz exklusiv ist das für Mönchengladbach nicht. Irgendwie müssen die Fahrer ja von Düsseldorf nach Lüttich kommen. Und so unbedingt werden auch keine Touristen aus den Nachbarstädten angelockt. Jedenfalls bieten sich ihnen zahlreiche Alternativen. Den Marketingeffekt muss man sich ein paar Kommunen teilen, die wahrscheinlich mit einer ähnlich bombastischen Werbewirkung argumentieren. Und soweit sich nicht irgendwo auf der Strecke ein schwerer Unfall ereignet, werden die Bilder vom Start und Ziel auch die einzigen sein, die einen nachrichtlichen Mehrwert haben.

Die Außenwirkung der zweiten Etappe 2016

Fahrradweg auf der Bismarckstraße

Auf der Bismarckstraße wird es die erste Sprintwertung der Tour geben © Sebastian Laumen/fotostock.jusos-mg.de

Von wo nach wo führte die zweite Etappe 2016? Eine Frage, die man sich stellen sollte, um sich die Werbewirkung der Tour de France zu vergegenwärtigen. Ok, ihr braucht nicht googeln. Es ging von Saint-Lô nach Cherbourg-en-Contetin. Noch nie davon gehört? Zu schwer auszusprechen? Nun…  Die erste Sprintwertung gab es übrigens in Port Bail. Alles Orte denen man bestenfalls im Normandie-Urlaub begegnet ist. Die letztjährige Durchschnittsgeschwindigkeit bei der zweiten Etappe lag übrigens bei „gemütlichen“ 41,88 km/h.

Von den insgesamt 206 km der ersten Etappe führen 20 km durch Mönchengladbacher Stadtgebiet. Ein gutes Zehntel also. Wenn die Fahrer gemütlich fahren, haben sie die Stadt bereits nach 20 – 25 Minuten Stunde wieder verlassen. Wenn sich das Feld schon etwas zerfasert hat, dauert es vielleicht länger. Da man die Fahrer aber nur an einem Punkt beobachten kann, ist insgesamt mit einem eher kurzen Vergnügen zu rechnen. Zwei Stunden vor dem Fahrerfeld wird die Werbekarawane über die Strecke rollen und die Zuschauer mit praktischen Utensilien wie Klatschpappen und Winkehänden austatten. Mit diesen auffälligen Werbeträgern wird die Stadt bei der Liveberichterstattung also konkurrieren.

Die Wirkung der Tour de France wird überschätzt

Le Grand Départ. Blut, Schweiß und Tränen. Trotz ihrer skandalträchtigen Geschichte lebt die Tour de France vom Drama. Packende Duelle, heldenhafte Ausreißer, Stürze, einbrechende Favoriten in den Bergen. Keine große Rundfahrt weiß so zu begeistern, wie die Tour de France. Doch im Mittelpunkt stehen die Fahrer, nicht die Austragungsorte. Natürlich gibt es legendäre Strecken und Punkte wie den Col de la Madeleine, die Bergankunft L’Alpe d’Huez oder den Col du Tourmalet. Diese Bekanntheit erhielten sie jedoch nicht durch eine einmalige Durchfahrt. Und – es sind allesamt Bergetappen, an denen sich die großen Dramen abspielen. Die erste Bergwertung am “Côte de Grafenberg” wird aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr als einen Randnotiz in der Tour-Historie werden.

Legendäre Sprintankünfte oder gar Zwischensprints gibt es nicht. Als prestigeträchtigster Sprint sei noch die Zielankunft in Paris genannt. Das wars aber auch. Die Zielorte sind vielleicht spannend. Aber selbst dieser Glanz verblasst schnell.

Die Perversion sportlicher Großereignisse

Seit der WM 2006 in Deutschland scheinen manche Personen jedes Maß verloren zu haben. Dass mit jedem Sportereignis von Weltrang ein Image-Gewinn einher ginge, hat sich wie ein Dogma in den Köpfen festgesetzt. Selbst wenn man den Image-Gewinn als wahr hinnimmt, bedeutet das noch lange nicht, dass dieser sich auch auszahlt.

Wie ein Mantra wurde bei der Ratssitzung betont, dass die Ratsmehrheit auch in Sachen Tour de France, die Mehrheit der Mönchengladbacher Bevölkerung hinter sich habe. Deshalb wurde der Grüne Gerd Brenner (absichtlich?) missverstanden, als er eine Analogie zu Olympia zog. Es spielte damit auf die aufgrund von Volksentscheiden gescheiterten Bewerbungen für Olympia in Hamburg und Garmisch-Patenkirchen an. Auch ich habe in meinem Kopf während der Debatte einfach mal “Tour de France” durch “Olympia” ersetzt. Die Argumentation der Fürsprecher hätte wohl ähnlich geklungen.

Allerdings zu recht. Denn bei einer Olympiade liegt der Fokus natürlich auf der Stadt. Der Imagegewinn durch Olympische Spiele wäre natürlich ungleich höher als bei einer Tour de France, die Auswirkungen weitreichender. Man schaue sich nur die Ruinen der Sportstätten von Olympia 2016 in Rio oder 2004 in Athen an. Derartige Bauruinen sind in Mönchengladbach natürlich nicht zu befürchten. Doch, um im sportlichen Bild zu bleiben, hat jede glänzende Medaille eine Kehrseite.

Stadt verschenkt öffentlichen Raum

Denn mit dieser unkalkulierbaren Einheit “Marketingwirkung” hat sich etwas in der Wahrnehmung verschoben. Das Über-Unterordnungsverhältnis von Staat und Privat wird umgekehrt. Es läuft nicht nach dem Motto “Guten Tag, wir sind ein Multi-Millionen-Sportunternehmen und würden gerne Ihre Straßen für unsere Veranstaltung nutzen und damit Geld verdienen. Was müssen wir dafür zahlen?” Stattdessen tritt die öffentlich-rechtliche Stadt als Bittsteller an das Sportunternehmen heran und zahlt dafür, dass das Unternehmen den öffentlichen Raum nutzen darf. Aber gutes Marketing gibt es nicht für umsonst.

Der Ruf der Tour de France hat in den vergangenen Jahren durch zahlreiche Doping-Skandale enorm gelitten – besonders in Deutschland. Deswegen geht mit der Tour de France in Deutschland natürlich ein großer Marketing-Effekt einher – für die Tour. Nicht für Mönchengladbach.

Vive le tour!

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Sebastian Laumen

Autor: Sebastian Laumen

"I ♥ MG - diese Stadt hat ihr Potential noch nicht ausgeschöpft." Sebastian betrachtet die sozialdemokratischen Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität nicht als abstrakte Richtlinien sondern als konkreten Handlungsauftrag. Er ist Mitglied der Bezirksvertretung Mönchengladbach-Nord.

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2 Kommentare zu „Tour de France plus X“

  1. H. Wendler sagt:

    Glückwunsch zu diesem fundierten Artikel

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