Reise nach Jerusalem

erstellt am: 27.10.2016 | von: Eva | Kategorie(n): Berichte

Jeder kennt das beliebte Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“ (bei dem ich mich momentan vermehrt frage, warum genau es eigentlich so heißt). Eine Reise nach Jerusalem oder auch die Wanderung der Heiligen Drei Könige nach Bethlehem erscheint so unfassbar unrealistisch, historisch und logistisch weit weg, dass ich bis jetzt noch nicht fassen kann wirklich da gewesen zu sein – im Heiligen Land.

Felsendom in Jerusalem

Felsendom in Jerusalem

Diese Gelegenheit hatte ich im Rahmen einer Delegationsreise der NRW Jusos Anfang Mai dieses Jahres. Während dieser Reise haben wir uns intensiv mit dem Nahost-Konflikt und der deutsch-jüdischen Vergangenheit beschäftigt und haben dazu viele Menschen hetroffen; Jerusalem, Tel Aviv, Bethlehem und Ramallah gesehen; Museen und Regierungsgebäude besichtigt und viiiiiel reflektiert. Letzteres war wohl der wichtigste Teil des Ganzen, da man dort schlicht von der Flut der Eindrücke, Emotionen und Fakten überrollt wird. Ich war unfassbar froh, eine starke Gruppe bei mir zu haben, sie sich gegenseitig gestützt hat.

Blick über Jerusalem

Blick über Jerusalem

Da ich hier keinen ausführlichen Reisebericht, der den Rahmen eines Blogbeitrages sprengen würde, verfassen möchte, werde ich auf die für mich prägendsten Erfahrungen während dieser Zeit eingehen. Ich muss gestehen: bevor ich diese Reise angetreten bin, hatte ich nicht mal einen genauen Plan davon, wo Israel eigentlich liegt, geschweige denn, was der Nahost-Konflikt ist. Selbst nach dem Vorbereitungsseminar und einem erneuten Intro vor Ort war ich kein bisschen schlauer, denn die Daten und Fakten zu diesem Thema alleine erklären noch gar nichts. Jetzt nach der Reise weiß ich, wie sich der Konflikt anfühlt: beklemmend, frustrierend und deprimierend – ohne ein Licht am Ende des Tunnels.

Wir wurden mental darauf vorbereitet viele Sicherheitskräfte mit fetten Knarren anzutreffen; daher war ich sicher zu wissen, welcher Anblick mich erwartet und was mich schockieren könnte. Es waren jedoch nicht die Soldatinnen und Soldaten in Israel, die mich betroffen haben, deren Präsenz nebenbei nicht so schlimm war, wie befürchtet.

Eingang des Flüchtlingslagers Aida

Eingang des Flüchtlingslagers Aida

Es war ein Besuch im Flüchtlingslager AIDA bei Bethlehem.

Es war die Sperranlage – eine fette Mauer, hinter der sich der eiserne Vorhang zweimal hätte vertsecken können.

Es war der unfassbare Hass und das Versprechen niemals Ruhe zu geben, bis eine Seite Geschichte ist.

Und nebenbei, völlig unbehelligt, läuft der ganz normale Alltag. Während die israelischen Truppen in Gaza einmarschiert sind. Während sich an der Sperranlage jeden Freitag israelische Sicherheitskräfte und palästinensische Jugendliche mit Steinen und Monotovcocktails bewerfen, abstechen oder erschießen. Während wenige Kilometer weiter Menschen an der Klagemauer, in der Grabes- oder Geburtskirche oder im Felsendom auf dem Tempelberg für Vergebung der Sünden, Weltfrieden und die Auferstehung der Toten beten. Während in Tel Aviv am Strand Urlaubsstimmung herrscht.

Sperranlage auf palästinensischer Seite (Aida, Flüchtlingscamp); schwarz von diversen Molotowwurfgeschossen

Sperranlage auf palästinensischer Seite (Aida, Flüchtlingscamp); schwarz von diversen Molotowwurfgeschossen

Eingebrannt haben sich die Worte unserer Führers im Flüchtlingslager Aida, eines mittelalten Palästinenser, der dort anscheind der Wortführer war. Er erzählte uns von den Anfängen der Vertreibung und der Zerstörung der Heimatdörfer. Davon, dass israelische Soldaten palästinensische Kinde getötet haben und dass er immer noch den Schlüssel zum Haus seines Großvaters besitz, dass er es gesehen hat und es sich eines Tages zurück holen wird. Der Schlüssel ist ein weit verbreitetes Symbol in Palästina – Versprechen und Drohung zugleich: niemals aufgeben, bis das aus ihrer Sicht ergangene Unrecht gerecht und die verlorene Heimat zurückerobert wurde. Auf die zugegeben mutige Frage, was denn – angesichts seiner Berichte über palästinensische Todesopfer – mit der Seite der israelischen Toten sei, sagte er nur, dass er seine Geschichte erzähle. Dass ihm egal sei, was auf Seite der Israelis ist. Dass er nicht traurig sei, wenn ein Israeli stirbt. Unser Reiseleiter nannte das „die Entmenschlichung der anderen Seite“. Gleiches gilt auch für die Seite der Israeli, denn sort zählt das Leben eines Palästinenser genauso nichts.

Die Gedenkstätte Yad Vashem

Die Gedenkstätte Yad Vashem

Eine ebenso emotionale Erfahrung anderer Art war der Besuch des Yad Vashem am Shoa-Gedenktag (also das Holocaust-Museum am Holocaust-Gedenktag). Am Abend zuvor haben wir uns zusammen gesetzt und besprochen, was wir angesichts dieses Besuches empfinden; das war als Vorbereitung unerlässlich und sehr wichtig und es sind einige Tränen geflossen. Die Meisten fühlten sich wie Eindringlinge, unerwünscht und schuldig. Hinzu kam, dass an diesem Abend im Hostel ein Shoa-Überlebender – der Künstler Yehuda Bacon – zu Gast gewesen ist, dessen Vortrag wir uns angehört haben.

Yehuda Bacon - Künstler & Holocaust-Überlebender

Yehuda Bacon – Künstler & Holocaust-Überlebender

Im Museum hingen einige seiner Werke, in denen er seine Erlebnisse verarbeitet hat. Am 05.05. um 10 Uhr morgens heulten in ganz Israel zwei Minuten lang ohrenbetäubende Sirenen und das gesamte Leben im Land friert ein. Bahnen, Busse und Autos bleiben stehen, die Insassen steigen aus und niemand rührt sich von der Stelle. Wir waren gerade auf dem Weg zum Museum als Israel den Atem anhielt. Die Menschen sind mitten auf Kreuzungen stehen geblieben. Für mich hat an diesem Tag der Begriff „Gedenkminute“ eine ganz andere Bedeutung bekommen. Nie zuvor habe ich gesehen oder hätte auch nur gedacht, dass man ein ganzes Land wahrhaftig zum Erliegen bringt – ich weiß nicht, ob wir Deutschen da so stolz drauf sein können…

Ausblick aus Yad Vashem über das gelobte Land am Ende des Museums

Ausblick aus Yad Vashem über das gelobte Land am Ende des Museums

Am Yad Vashem selbst war bemerkenswert, wie dort jede Information, jedes Opfer, aber auch jeder Retter und Helfer dokumentiert wurde. Ein NS-Museum in Deutschland, der Besuch eines Konzentrationslagers etwa, hat eine völlig andere Herangehensweise an die Aufbereitung der Geschichte. Man spürte den Unterschied deutlich: das Yad Vashem ist eine Erinnerung der Opfer für ihre Nachkommen. Ein Museum in Deutschland ist ein Sühnekreuz der Täter. Dies gesamte Architektur des Museums ist symbolisch gestaltet: es hat die Form eines Keils, der in das Fleisch des Volkes Isreal gerammt wurde. Am Ende aber öffnet es sich aus dem Fels heraus und eröffnet dem Betrachter einen befreienden Blick auf das gelobte Land. Eine unmissverständliche Botschaft: wir haben trotz allem überlebt. Wir haben euch überlebt.

Vielleicht ein kurzes Fazit zu Israel und Paläastina:

Eine friedliche Lösung des Konfliktes ist momentan so ereichbar wie Pluto und nicht viele scheinen dazu beitragen zu wollen, dass sich das ändert. Eine Reise dorthin kann sehr emotional und ergreifend sein. Man schafft es aber auch als argloser Tourist durch das Land ohne den Konflikt wahr zu nehmen.

Wüste

Wüste

Eva

Autor: Eva

Evamaria ist seit 2012 Mitglied bei den Jusos Mönchengladbach und dort im Vorstand tätig. Sie lebt in Mönchengladbach und studiert in Duisburg "öffentliche Verwaltung". Evamaria ist der Meinung, dass rechtsextrem oder schlichtweg menschenfeindliche Ideologien und Lebensweisen in unserer Geellschaft nichts zu suchen haben. Jedem sollte die Chance auf ein glückliches und selbstbestimmtes Leben gegeben werden, frei von Angst und Gewalt. Und das unabhängig von Geschlecht, Alter, Ethnie, Religion, Sexualität, politischer Überzeugung, Meinung oder sonstiger individueller Eigenschaft!

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