Hypokrisie und Hippokrates: Heilpraktikergesetz reformieren!

erstellt am: 06.08.2016 | von: Johannes Jungilligens | Kategorie(n): Meinung

Als Heilpraktiker wird in Deutschland bezeichnet, wer die Heilkunde berufs- oder gewerbsmäßig ausübt, ohne als Arzt oder Psychologischer Psychotherapeut approbiert zu sein. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen dieser Tätigkeit und die Bedingungen, unter denen dies geschehen darf, sind im „Gesetz über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung“ (kurz: „Heilpraktikergesetz“) aus dem Jahr 1939 festgelegt. In der zuletzt 2001 geänderten Version ist es damit seit seiner Einbringung durch den Reichsärzteführer Gerhard Wagner gültig.

Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser! © Sebastian Laumen/fotostock.jusos-mg.de

Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser!
© Sebastian Laumen/fotostock.jusos-mg.de

Anders als für Ärzte (Approbation nach abgeschossenem 10-semestrigem Studium der Medizin, 2 Semestern „Praktisches Jahr“, Bestehen der „ärztlicher Prüfung“) oder Psychotherapeuten (Approbation nach abgeschossenem 10-semestrigem Studium der Psychologie, mindestens 3-jähriger Ausbildung, Bestehen der Abschlussprüfung) ist für Heilpraktiker keine akademische Ausbildung vorgeschrieben – Heilpraktiker ist als Ausbildungsberuf in Deutschland nicht gesetzlich geregelt. Es gibt weder eine vorgeschriebene Regelausbildung noch eine staatlich geregelte Prüfung. Voraussetzung für die Erlaubnis ist ein Mindestalter von 25 Jahren, ein Hauptschulabschluss und die gesundheitliche Eignung und die „sittliche Zuverlässigkeit“, die durch ein ärztliches Attest bzw. eine polizeiliches Führungszeugnis nachgewiesen werden können. Trotzdem sind Heilpraktiker (mit Ausnahmen wie der Verordnung verschreibungspflichtiger Medikamente, Behandlung bestimmter Infektionskrankheiten oder der Durchführung von Geburtshilfe) dazu befugt, Tätigkeiten auszuführen. Heilpraktikern ist zudem ohne Einschränkungen die Ausübung der Psychotherapie und Physiotherapie gestattet. Dazu können sie sich selbst die Berufsbezeichnung „Heilpraktiker (Psychotherapie)“ oder „psychotherapeutisch tätiger Heilpraktiker“ geben. Die mangelnde Differenzierbarkeit zu den Berufsbezeichnungen approbierter „Psychologischer Psychotherapeuten“ wurde zuletzt 2008 von der Arbeitsgemeinschaft der obersten Landesgesundheitsbehörden kritisiert.

Durch die Übernahme von Heilpraktiker-Kosten durch einige Krankenkassen bezahlt die Allgemeinheit den Preis teils suspekter Behandlungen. © Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

Durch die Übernahme von Heilpraktiker-Kosten durch einige Krankenkassen bezahlt die Allgemeinheit den Preis teils suspekter Behandlungen.
© Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

In ihrer Tätigkeit unterliegen Heilpraktiker nicht der strafrechtlichen Verschwiegenheitspflicht und dem Zeugnisverweigerungsrecht. Die heilpraktische Tätigkeit kommt auf Grundlage eines nicht notwendigerweise an eine Form gebunden Vereinbarung zustande und kann auch ohne ausdrückliche Zustimmung des Patienten nur durch „schlüssiges Handeln“ zustande kommen. Die anfallenden Kosten werden meist analog zur Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) berechnet, sind aber grundsätzlich „nach billigem Ermessen“ – also vollkommen frei – anzusetzen. Eine Übernahme der Kosten durch gesetzliche Krankenkassen ist unüblich, aber nicht ausgeschlossen. Für Bundesbeamte ist eine Übernahme der Kosten von Heilpraktiker Behandlungen im Rahmen der Beihilfe möglich.

Grundsätzlich ist zu kritisieren, dass der Umfang der Befugnisse von Heilpraktikern in keinem Verhältnis zu den geforderten Qualifizierungen steht. Zudem besteht die Gefahr, dass medizinisch nicht gebildete Patienten dem Heilpraktiker aufgrund dieser ihm erteilten Befugnisse Kompetenzen und eine „medizinische Autorität“ zurechnen, die der Heilpraktiker nicht notwendigerweise besitzt. Daraus abgeleitet wird den heilpraktischen Methoden oft eine medizinische Legitimation zugesprochen, die bar jeglicher wissenschaftlicher Fundierung ist. Dies birgt das Risiko, dass Patienten auch bei ernsthaften physischen oder psychischen Erkrankungen auf den Behandlungsplan eines nicht medizinisch ausgebildeten und qualifizierten Heilpraktikers vertrauen.

Morgens, mittags, abends, nachts - da sollte man schon wissen, was man nimmt. © Sebastian Laumen/fotostock.jusos-mg.de

Morgens, mittags, abends, nachts – da sollte man schon wissen, was man nimmt. © Sebastian Laumen/fotostock.jusos-mg.de

Ein aktuelles erschreckendes Beispiel zeigt sich in vier Todesfällen von Patienten, die ihre Krebserkrankung in einem alternativen Heilzentrum in Brüggen-Bracht durchgeführt haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt dort inzwischen wegen fahrlässiger Tötung gegen den verantwortlichen Heilpraktiker; die Polizei rät „Wer sich einer Krebsbehandlung dort unterzogen hat, sollte sich in fachkundige Behandlung begeben.“. Scheinbar wurde den betroffenen Patienten ein nicht zugelassenes, unerprobtes Medikament zur Behandlung der Erkrankung der Krebserkrankung verabreicht. Nach dem Auftreten der Beschwerden wurden die Patienten in der alternativen Klinik mit Vitaminen behandelt, anstatt sie in intensivmedizinische Versorgung zu bringen.

Bei sicherlich existierenden guten, vertrauenswürdigen und verantwortungsvoll handelnden Heilpraktikern zeigt sich in diesem krassen Fall jedoch das grundsätzliche Problem: Patientinnen und Patienten vertrauen dem Behandler aufgrund dessen Autoritätsposition – sie begeben sich in einer verzweifelten Situation in die Hände eines fremden Menschen, dem sie dann „ausgeliefert“ sind. Dies ist bei klassischen, „schulmedizinisch“ ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten nicht anders; dort existieren aber vergleichsweise immense Qualitätskontrollen, Hürden und Backup-Mechanismen. Diese gibt es bei Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern unter den gegebenen gesetzlichen Bedingungen nicht – das muss sich dringend ändern. Eine Überarbeitung des Heilpraktikergesetzes sowie die Anpassung der damit in Verbindung stehenden gesetzlichen Regelungen ist unumgänglich und kann nur Gewinner produzieren: Patientinnen und Patienten sind auf der sicheren Seite, gute Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker können auf Grundlage einer ausgereiften und zeitgemäßen gesetzlichen Regelung praktizieren – die Spreu wird vom Weizen getrennt.

Folgende Kriterien sollten für eine Reform gelten:

  • Einführung und Überwachung der Einhaltung von Mindestanforderungen für die Zulassung zum Heilpraktiker, insbesondere einer mindestens dreijährigen, verpflichtenden Ausbildung an staatlich zugelassenen Ausbildungsinstituten.
  • Eingrenzung der zulässigen Behandlungsbereiche
  • Verpflichtende Fortbildungen in Diagnostik und diagnostischer Theorie, Einführung einer Diagnosepflicht vor Beginn der Behandlung.
  • Verpflichtung der Erstellung eines vom Patienten zu unterschreibenden, gesetzlichen Rahmenbedingungen genügenden Behandlungsvertrags.
  • Dokumentationspflicht bei der Behandlung.
  • Ausschluss der Möglichkeit, Heilpraktiker-Behandlungen im Rahmen der Leistungen gesetzlicher Krankenkassen abzurechnen sowie Ausschluss der Beihilfefähigkeit von Heilpraktiker-Behandlungen bei Beamten
  • Verpflichtung zum Hinweis auf nicht-medizinische Behandlungsmethoden gegenüber den Patienten vor Beginn der Behandlung.

Hinweis: Ein größtenteils gleichlautender Antrag wurde auf unserer Unterbezirkskonferenz am 14.03.2015 ausführlich diskutiert und abgelehnt.

Johannes Jungilligens

Autor: Johannes Jungilligens

Johannes ist seit 2009 Mitglied bei den Jusos Mönchengladbach. Er lebt in Mönchengladbach und Bochum (und im Zug) und vertritt sozialdemokratische Werte nach dem Motto "Keiner kann die Welt alleine verändern (und das ist gut so)". Johannes findet, dass mit vielen guten Ideen und vielen, die mitmachen, die Gesellschaft gerechter und offener gestaltet werden kann. "Gleiche Löhne für gleiche Arbeit, faire Aufstiegschancen unabhängig von der Herkunft und freiheitliches Denken als Rahmen für die volle Entfaltung jeder und jedes einzelnen sollten selbstverständlich sein, sind es aber leider nicht. Daran müssen wir arbeiten!"

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