OpenAccess – Wissenschaft in Bürgerhand!

erstellt am: 29.09.2015 | von: Johannes Jungilligens | Kategorie(n): Meinung

Die Internationalisierung aller Forschungszweige und die weltweite Vernetzung von Wissen sind für den Fortschritt der Wissenschaft und für die Arbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein ungeheurer Gewinn. Vor allem in postindustriellen Gesellschaften spielt die Stärkung der Forschung eine zunehmend wichtige Rolle – Wissen ist ein neuer „Rohstoff und wird dementsprechend von der Gesellschaft gefördert. 

Nächste Haltestelle: Offene Wissenschaft © Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

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In Folge dieser Veränderungen hat die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen (also Veröffentlichungen von Forschungsergebnissen) rasant zugenommen. Mit diesem grundlegend als positiv zu bewertende Trend kommen allerdings auch einige Probleme, die vor allem in der aktuellen Publikationspraxis begründet liegen. Forschungsergebnisse werden (vor allem in den Naturwissenschaften), in Form sog. „Paper“ (einige Seiten lange Forschungsberichte) in „Journals“ (also Zeitschriften für verschiedene Fachrichtungen) veröffentlicht. Die Qualität wissenschaftlichen Arbeitens wird zunehmend in der Anzahl der veröffentlichten Papern gemessen. Maße wie „Impact Factors“ (die Anzahl von Zitationen einer Veröffentlichung) und Rankings von wissenschaftlichen Journals (wie wichtig und richtungsweisend sind die Berichte in einem bestimmten Journal) bestimmen über die Vergabe von Forschungsgeldern und die Fortführung von wissenschaftlichen Projekten. Dies führt zu einem immensen Publikationsdruck auf Seiten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern; vor allem junge NachwuchswissenschaftlerInnen müssen ihre Arbeitsweise zunehmend an dem Aspekt der Publizierbarkeit von Forschungsergebnissen orientieren. Darunter leidet die Qualität der Forschung.

Untersuchungen, die wenig Aussicht auf signifikante, „gute“ Ergebnisse haben, werden von vorneherein nicht angegangen, weil sie möglicherweise nachher nicht veröffentlicht werden – obwohl sie vom Erkenntnisgewinn her vielleicht auch wichtig wären. Geschuldet ist dies der Publikationspraktik der Wissenschaftsverlage: Veröffentlicht wird, was signifikant und im besten Fall aufsehenerregend ist. Qualitative Ansprüche oder (gegebenenfalls fehlgeschlagene) Replikationen – also Wiederholungen – von Studien stehen dabei an zweiter Stelle, wobei vor allem letztere immens wichtig für die Sicherung von Ergebnissen ist. Wird beispielsweise ein signifikantes Ergebnis aus einem bestimmten Forschungszweig publiziert, mehrere nicht signifikante Replikationen aber nicht, so wird gegebenenfalls ein Zufallsbefund als unwidersprochen korrekt betrachtet. Ein Mittel dagegen sind bereits bestehende „Journals of non-significant Papers“, also Journale, die ausschließlich nicht-signifikante Forschungsergebnisse veröffentlichen. Ihre Wirkung ist aber sehr begrenzt.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen dabei die Wissenschaftsverlage. Der umkämpfte Markt wissenschaftlicher Journale teilt sich quasi vollständig unter den beiden großen Verlagen Elsevier und Springer (nicht Axel Springer!) auf. Durch ihre Marktmacht auf der einen Seite und dem auf der Forschung lastenden Veröffentlichungsdruck auf der anderen Seite sind diese in der Lage, Inhalt und Form von Publikationen zu bestimmen. Dieser Zustand führt zu der Praxis, dass Forschungseinrichtungen die Verlagen teils für die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse bezahlen müssen, unter Umständen auch für einzelne Aspekte wie farbige Abbildungen Extrakosten berechnet werden. Zugriff auf diese Veröffentlichungen hat nur, wer die Journals bei den Verlagen abonniert oder einzelne Publikationen kauft. Dieselben Journals, die zuvor für die Publikation von Ergebnissen bezahlt wurden, müssen also wiederum von den Forschungseinrichtungen kostenpflichtig abonniert werden, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem notwendigen aktuellen Stand der Forschung bleiben können. Da vor allem in Deutschland und Europa Forschungseinrichtungen meist öffentliche Einrichtungen – also Universitäten und staatliche Institute – sind, werden die meisten dieser Kosten (Forschung, Publikation, Abonnement der Journals) aus Steuerhand bezahlt. Ein beträchtlicher Teil des Wissenschaftsetats der öffentlichen Haushalte wird also mehr oder weniger direkt für die Finanzierung quasimonopolistischer Verlage ausgegeben. Die bisherigen Publikationsstrukturen stellen eine Privatisierung des von der Allgemeinheit finanzierten Wissens dar.

Das Wissenschaftssystem in Deutschland benötigt eine daher zeitgemäße und faire Publikationspraxis als Basis für eine grundlegende Reform der öffentlich bezahlten Wissenschaft.

Ein Ausweg ist die Förderung von OpenAccess-Journals in der aus öffentlicher Hand geförderten Wissenschaft ein. Diese wissenschaftlichen Journale sind kostenfrei und können von allen gelesen werden. Die Grundhaltung dieser Journals ist mit der der OpenData-Bewegung zu vergleichen und formuliert den Anspruch, wissenschaftlich hochwertige Forschung barrierearm und frei zugänglich zu veröffentlichen – also auch denen gegenüber, die die Forschung finanziert haben: Den Bürgerinnen und Bürgern.

Hinweis: Ein auf diesem Blogtext basierender Antrag wird auch auf der Juso-Landeskonferenz von uns Gladbacher Jusos gestellt (Antrag B4 im Antragsbuch).

Johannes Jungilligens

Autor: Johannes Jungilligens

Johannes ist seit 2009 Mitglied bei den Jusos Mönchengladbach. Er lebt in Mönchengladbach und Bochum (und im Zug) und vertritt sozialdemokratische Werte nach dem Motto "Keiner kann die Welt alleine verändern (und das ist gut so)". Johannes findet, dass mit vielen guten Ideen und vielen, die mitmachen, die Gesellschaft gerechter und offener gestaltet werden kann. "Gleiche Löhne für gleiche Arbeit, faire Aufstiegschancen unabhängig von der Herkunft und freiheitliches Denken als Rahmen für die volle Entfaltung jeder und jedes einzelnen sollten selbstverständlich sein, sind es aber leider nicht. Daran müssen wir arbeiten!"

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