Es brodelt und es stinkt

erstellt am: 08.02.2015 | von: Johannes Jungilligens | Kategorie(n): Meinung

Es brodelt und es stinkt. Aus allen Ecken und Enden. Sigmar Gabriel war bei Pegida. Sigmar Gabriel gibt Interviews. Juso-Landesverbände schreiben Pressemitteilungen. Juso-Vorsitzende formulieren Vorwürfe.

Es brodelt und es stinkt.

Mehr als heiße Luft?

Mehr als heiße Luft?

Sigmar Gabriel war – unangekündigt und in merwürdigem Outfit – spontan bei einer Diskussion mit Pegida-Anhängern. Kann man scheiße finden, muss man aber nicht. Ich weiß ehrlich gesagt immer noch nicht, wie ich es finde. Toll war das sicher nicht. Er ist damit Teilen des Parteivorstandes, vor allem Yasmin Fahimi, mit ordentlich Schwung in die Karre gefahren. Kann man scheiße finden, finde ich auch scheiße. Glücklicherweise ist Yasmin Fahimi geschickt genug, darauf angemessen zu reagieren. Falsch ist in jedem Fall die Behauptung, Gabriel würde durch seine Anwesenheit die Aussagen von Pegida in irgendeiner Form unterstützen. Dialog ist nicht gleichzusetzen mit Recht geben. So einfach ist diese Welt nicht. Nur noch nach dem Schwarz-Weiß-Schema mit den Leuten zu reden, deren Meinung man teilt, ist zwar bequem; in der echten Welt aber muss man beizeiten ein wenig Grau wagen.

Sigmar Gabriel hat aber noch etwas gemacht: Er hat gesagt, dass es ein Recht darauf gäbe, deutschnational zu sein.

Seitdem brodelt und stinkt es so sehr, dass man sich an veritable Shitstorms erinnert fühlt. Für die Jusos Hessen-Süd war Gabriel wahrscheinlich nie ein errettender Erzengel, aber jetzt ist er #NotIhrVorsitzender„Schon ein Interview von ihm reicht aus um die aufklärerische Arbeit von tausenden Genossinnen und Genossen zunichte zu machen.“ Ja, ja genau. Wessen Arbeit so schnell zunichte zu machen ist, der hat wohl nicht sonderlich gut gearbeitet. Oder er hat einfach nicht sonderlich gut gelesen: „Es gibt ein demokratisches Recht darauf, rechts zu sein oder deutschnational. Sogar ein Recht, Dummheiten zu verbreiten wie die angebliche Islamisierung Deutschlands.“ Sigmar Gabriel hat also gar nicht das Deutschnationale promotet, sondern aus dem Grundgesetz zitiert. Sowas aber auch. Wie kann er nur die Meinungsfreiheit verteidigen? Um es einmal festzustellen: Sigmar Gabriel hat in den vergangenen Wochen (so wie zuvor) nicht ein einziges Mal gesagt, dass es gut oder unterstützenswert ist, was Pediga macht. Er hat nicht ein einziges Mal gesagt, dass es gut oder unterstützenswert ist, deutschnational zu sein. Er hat ganz einfach gesagt: Man muss es aushalten, dass andere Menschen ekelhafte Meinungen haben dürfen. Das steht so im Grundgesetzt.

Im Grundgesetzt steht dann auch noch was dazu, dass man gegen diese Meinungen sein kann; was ich übrigens jedem empfehlen würde. Und wer die aufklärerische Arbeit von tausenden Genossinnen und Genossen so hoch hält, sollte den Grundwert der Aufklärung – selber zu denken – dann auch bitte mal anwenden. Es ist intellektuell nicht grade Königsklasse, sich das Verständnis von Sätzen immer grade so umzubiegen, wie es einem in den Kram passt. Als wichtigstes Kennzeichen der Aufklärung gilt die Berufung auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz. Vernünftig wäre gewesen, nicht nur die Überschrift des Stern-Artikels zu lesen; die Anwendung dieser als universelle Urteilsinstanz hätte wohl eine etwas differenziertere Reaktion zur Folge gehabt.

Juso-Bundesvorsitzende Johanna Ueckermann. © Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

Juso-Bundesvorsitzende Johanna Ueckermann.
© Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

Aber das ist ja zu grau. Man will es als Juso-Bundesvorstand lieber schwarz und weiß. Oder direkt beides auf einmal: In einem selten dagewesenen Anfall von Persönlichkeitsspaltung erst sagen, es gäbe kein Recht darauf, deutschnational zu denken, um dann wenig später zu posten„Wir sagen: Klar kannste deutschnational denken, aber dann haben wir ein ernstes Problem miteinander“ und damit genau das sagen, was Gabriel meinte: „Klar kannste deutschnational denken. Aber das muss mir als nicht gefallen.“ Ach, ja.

Und dann die Jusos aus dem südlichen Hessen: „[…] dann geht er abermals einen Schritt zurück und beschämt damit das gesamte Erbe aller sozialdemokratischer Bemühungen um Antifaschismus, Anti-Nationalismus und die internationale Solidarität und torpediert damit auch sämtliche Bemühungen des Widerstandskämpfers Willy Brandt für Frieden, Vergebung und Völkerverständigung in Europa.“ – Geht’s vielleicht auch ne Nummer kleiner?

Ein aus dem Kontext gerissener Satz von Sigmar Gabriel beschämt das gesamte Erbe aller sozialdemokratischen Bemühungen? Ein Verweis auf das Grundgesetz torpediert sämtliche Bemühungen Willy Brandts? Also ich persönlich halte sowohl das gesamte Erbe aller sozialdemokratischen Bemühungen als auch die Bemühungen Willi Brandts für groß und stabil genug, die (bewusst) falsch interpretierte Aussage eines Parteivorsitzenden zu überstehen. Und für mich persönlich sind das gesamte Erbe aller sozialdemokratischen Bemühungen und die Bemühungen Willi Brandts zu wichtig, um sie als Waffe im Kampf gegen die (bewusst) falsch interpretierte Aussage eines Parteivorsitzenden zu missbrauchen. Denn Fakt ist (wie ein großer Kölner Genosse schon schrieb):

„Gabriel stellt vollkommen wertfrei fest, dass die PEGIDA zu Deutschland gehören. Den gleichen Satz hätte er auch mit Bockwurst, schlechtem Wetter, Fußball oder Endlagern für Atommüll bilden können, weil Fakt. Warum löst dieser Satz eigentlich so große Empörung in einer politischen Subkultur aus, die ansonsten stets bemüht ist, alles aufzuzählen, was sie an Deutschland schlecht findet? Gehören die Wehrsportgruppe Hoffmann, Rostock-Lichtenhagen, Beate Zschäpe und der NSU auch nicht zu Deutschland? Na dann ist ja alles gut hier.“

SPD-Vorsitzender und Agent Provocateur Sigmar Gabriel.  © Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

SPD-Vorsitzender und Agent Provocateur Sigmar Gabriel.
© Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

Johanna Ueckermann meint, Sigmar Gabriel sei der sozialdemokratische Kompass abhanden gekommen. Um bei diesem Bild zu bleiben: Die Juso-Elite hat ihren Kompass wohl noch, dieser entspricht aber eher dem Modell von Jack Sparrow (Käpt’n Jack Sparrow!), der immer in die Richtung zeigt, in der das am meisten Gewünschte zu finden ist. In diesem Fall das am meisten Gewünschte wohl mal wieder die hysterische Provokation, um derentwillen man alle Regeln der Vernunft und fallen lässt.

Es brodelt und es stinkt. Auf der einen Seite nach dem verzweifelten Versuch, durch Provokation auf niedrigstem intellektuellem Niveau endlich mal wieder in die Presse zu kommen; auf der anderen Seite nach ungeschickt-verzweifeltem Umgang mit Problemen, die eine klare Kante, ein Gefühl für wirkliche Sorgen und Nöte und einen weitreichenden Blick auf die gesellschaftlichen Fragestellungen dieses Landes benötigen.

Johannes Jungilligens

Autor: Johannes Jungilligens

Johannes ist seit 2009 Mitglied bei den Jusos Mönchengladbach. Er lebt in Mönchengladbach und Bochum (und im Zug) und vertritt sozialdemokratische Werte nach dem Motto "Keiner kann die Welt alleine verändern (und das ist gut so)". Johannes findet, dass mit vielen guten Ideen und vielen, die mitmachen, die Gesellschaft gerechter und offener gestaltet werden kann. "Gleiche Löhne für gleiche Arbeit, faire Aufstiegschancen unabhängig von der Herkunft und freiheitliches Denken als Rahmen für die volle Entfaltung jeder und jedes einzelnen sollten selbstverständlich sein, sind es aber leider nicht. Daran müssen wir arbeiten!"

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2 Kommentare zu „Es brodelt und es stinkt“

  1. Jan Paul Elchlepp sagt:

    Vielen Dank für diesen genialen Artikel. Man ließt ja viel Blödsinn im Internet, aber dieser Satz aus Hessen über Willy Brandts Bemühungen ist so dumm und arrogant, dass es schon weh tut ihn zu lesen.

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