Die Ausländer sind also doch was wert

erstellt am: 28.11.2014 | von: Johannes Jungilligens | Kategorie(n): Meinung

Kollektive Erleichterung machte sich gestern in den sozialen Netzwerken breit, zumindest unter den als links der politischen Mitte einzuordnenden Menschen: Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung) belegt, dass Migrantinnen und Migranten dem Deutschen Staat mehr einbringen, als sie Kosten. 3300€ betrug die durchschnittliche Differenz zwischen erhaltenen Sozialleistungen und den eingezahlten Beiträgen.

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Geld © Sebastian Laumen/fotostock.jusos-mg.de

“Juhu!“ dachten sie alle und teilten die betreffenden Artikel fleißig. Was sie dabei jedoch übersahen: Jeder Post, jeder Share war eine Bestätigung für Rechtspopulisten und Rechtsextremisten. Nicht inhaltlich – natürlich nicht, endlich hat man deren kruden Thesen etwas entgegenzusetzen – sondern eine Bestätigung ihrer Argumentation. Diese basiert seit Jahren nicht mehr auf der plumpen Ablehnung nicht-deutscher Menschen, sondern auf dem Aufführen der (vermeintlichen) Belastung der “ordentlichen Deutschen“ durch die Einwanderung in die Sozialsysteme. Auch die CSU ist sich nicht zu schade, dieses ekelhafte, menschenverachtende Argumentationsmuster aufzugreifen und “Wer betrügt, der fliegt“ zu posaunen. Der Grundlage dieses Gedankenganges ist eine Einteilung in für die Gesellschaft wertvolle Menschen (mit positivem “Sozialsaldo“) und wertlose Menschen – solche, die finanziell mehr bekommen, als sie geben. Laut den Rechtspopulisten verwirken nicht Biodeutsche ihre Legitimation für ihren Aufenthalt in Deutschland, wenn sie keine zumindest ausgeglichene Bilanz vorweisen können.

Die Bertelsmann-Studie greift diese Behauptung auf und widerlegt sie. Das ist gut. Überschriften wie “Einwanderung nach Deutschland: Der Sozialstaat profitiert“ oder “Mehr Einnahmen als Ausgaben: Ausländer bringen Deutschland Milliarden“ greifen aber die grundlegende Argumentation auf und stellt Einwanderer jetzt neuerdings auf die Seite der wertvollen Menschen. Die eigentliche Grundlage linken, vor allem sozialdemokratischen Denkens, wird dabei aber konterkariert: Es darf nicht darum gehen, ob Menschen dem Sozialstaat nützen oder nicht! Es muss – für die Betrachtung der einzelnen Personen – egal sein, ob Menschen ein positives oder ein negatives Saldo haben.

Denn was, wenn auch Menschen, die eben diese Grundsätze vertreten, plötzlich die Argumentation von rechts nutzen, nur weil diese ihnen plötzlich Recht gibt? Was ist mit den Personen, die den Mittelwert von +3300€ mit negativen Bilanzen nach unten ziehen, weil sie ihr Recht auf soziale Unterstützung in Anspruch nehmen? Was ist mit AsylbewerberInnen, von denen die wenigsten über 3000€ mehr nach Deutschland bringen, als sie empfangen? Verwirken alle diese Menschen ihre Rechte, wenn plötzlich eine andere Studie mit gegenteiligen Ergebnissen publiziert wird?

In die Ketten einer solchen Argumentation sollte sich niemand begeben. Die Ergebnisse der Studie sind erfreulich, sie dürfen aber immer nur als das allerletzte Wort einer Diskussion benutzt werden. Menschen dürfen nicht nur Teil dieser Gesellschaft sein, weil sie mehr geben als sie bekommen. Unsere Gesellschaft bestand immer, besteht und wird immer bestehen aus Menschen mit positivem Saldo und Menschen mit negativem Saldo. Das nennt man Sozialstaat. Und das ist gut so.

Johannes Jungilligens

Autor: Johannes Jungilligens

Johannes ist seit 2009 Mitglied bei den Jusos Mönchengladbach. Er lebt in Mönchengladbach und Bochum (und im Zug) und vertritt sozialdemokratische Werte nach dem Motto "Keiner kann die Welt alleine verändern (und das ist gut so)". Johannes findet, dass mit vielen guten Ideen und vielen, die mitmachen, die Gesellschaft gerechter und offener gestaltet werden kann. "Gleiche Löhne für gleiche Arbeit, faire Aufstiegschancen unabhängig von der Herkunft und freiheitliches Denken als Rahmen für die volle Entfaltung jeder und jedes einzelnen sollten selbstverständlich sein, sind es aber leider nicht. Daran müssen wir arbeiten!"

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