Blogparade: 10 Fragen zu #digitalLEBEN

erstellt am: 25.09.2014 | von: Johannes Jungilligens | Kategorie(n): Meinung

Unter dem Label #digitalLEBEN (ohne Hashtag ging es bei dem Thema wohl nicht) hat die SPD einen Prozess gestartet, bei dem die Thematik des Lebens in der digitalisierten Welt in all ihren Aspekten aufgegriffen, aufgearbeitet und in parteiliche Programmatik umgesetzt werden soll. Neben einem Parteikonvent mit diesem Schwerpunkt und einer eigenen Kampagnenseite ist auch eine Aktion mit dem Namen „100 Köpfe 10 Fragen“ angelaufen, bei der 100 intelligente Menschen ihre Sicht darlegen. Da es neben den dort vertretenen 100 Köpfen sicherlich noch einige weitere intelligente Leute mit einer Meinung zu dem Thema gibt und weil der gesamte Prozess auf dem Gedanken der Beteiligung basiert, hat der Arbeitskreis Digitale Gesellschaft der SPD Schleswig-Holstein eine Blogparade gestartet, zu der dieser Text einen Beitrag leisten will.

Nach dem Quasi-Ende der Piraten: Wer kümmert sich um das Digitale?

Nach dem Quasi-Ende der Piraten: Wer kümmert sich um das Digitale?

1. In einer digitalen Welt zu leben, bedeutet für mich…

…nichts Besonderes im ursprünglichen Sinne. Man darf mich wohl zu den „Digital Natives“ zählen. Trotzdem ist es immer wieder faszinierend und großartig, quasi alle auf dieser Welt verfügbaren Informationen jederzeit abrufen und über jedwede Distanz problemlos kommunizieren zu können. Ich würde es jedoch eher „vernetzte Welt nennen“, da digital den wichtigsten Aspekt – nämlich eben die Vernetzung von Allem und Jedem – nicht umfasst. Auch Armbanduhren können digital sein und über die wird im #digitalLEBEN-Prozess zu Recht nicht geredet.

2. Mein Computer ist für mich…

…mit der Zeit und zunehmenden Fähigkeiten mobiler Geräte nicht mehr so zentral, wie noch vor drei Jahren. Trotzdem weiterhin Arbeits-, Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungsgerät Nr. 1. Ein Leben ohne Fernseher und Zeitungsabonnement ist möglich; inklusive mit dem Gefühl, jederzeit gut informiert und unterhalten zu sein.

3. Wirklich gut! Die größte Chance durch die Digitalisierung ist…

…, dass sich das gesellschaftliche Gefälle durch ungleich verteiltes Wissen bzw. ungleich verteilen Zugang zu Informationsquellen verringern könnten. Gut gemachte Digitalisierung ist sozialdemokratisches Denken in Reinform. Dafür braucht es aber den Willen und den Mut, die Grundsteine dafür zu legen: Medienkompetenz in allen Altersstufen und Bevölkerungsgruppen, Zugangsmöglichkeiten, Abbau von Hürden, Normalisierung des Gebrauchs vernetzter Hilfsmittel, Ende der andauernden Verteufelung von allem in diesem Internet, was nicht auf Anhieb verständlich ist.

4. Bedrohlich! Wir müssen aufpassen, dass…

…bei der Digitalisierung nicht eine ganze Gruppe von Menschen verloren geht. Das der Digitalisierung inhärente rasante Tempo macht diese Aufgabe sehr schwierig. Digitalisierungspolitik ist wie Bildungspolitik, nur dass sie eben innerhalb von wenigen Jahren sich selbst und ein komplettes und neues System gestalten muss. Man stelle sich vor: Eine Welt ohne Bildungseinrichtungen und dann innerhalb von 15 Jahren auf den Stand von heute. Dabei selbstverständlich immer mit dem Anspruch, alle mitzunehmen und die positiven Aspekten allen – und nicht nur den Eliten – angedeihen zu lassen. Apropos Eliten: Die Zentralisierung der Impulsquellen für digitalen Fortschritt bei einigen Großkonzernen ist bedrohlich. Damit soll allerdings nicht in das übliche und reichliche billige Google-Bashing verfallen werden, welches meist hauptsächlich die Hilflosigkeit der Konzern-Kritiker zur Schau stellt; sondern einfach festgestellt werden, dass aufgrund von mangelndem Gestaltungswillen der Politik die Schalthebel für die weitere Entwicklung woanders hin gewandert sind.

Juso-Konferenzen auf Landes- oder Bundeseben werden live gestreamt.

Juso-Konferenzen auf Landes- oder Bundeseben werden live gestreamt.

5. Die Digitalisierung verändert mein Leben durch…

…doof formulierte Frage. Mein Leben verändert sich und Teil dieser Veränderung ist die Digitalisierung der Lebensbereiche. Die Digitalisierung ist kein Naturereignis, dass über die Menschheit kommt und Dinge verändert, sie ist ein von Menschen geschaffenes und von Menschen gestaltetes Element des Wandels. Das Problem liegt eher darin, dass die Politik dieses Element des Wandels bisher unzureichend begriffen und als nicht Instrument der Gestaltung des Wandels verstanden und genutzt hat.

6. Chatten mit den Enkeln, Einkaufen per Mausklick, Arbeiten ohne feste Bürozeiten. Was bringt die Digitalisierung für Familien und Ältere?

Freiheit von Zeit und Ort, aber Abhängigkeit von neu zu erlernenden Fähigkeiten – vor allem für ältere Menschen. Ansonsten die gleichen Chancen wie für alle anderen.

7. Programmieren in der Grundschule, das gesamte Faktenwissen der Welt in der Suchmaschine. Wie sollte Bildung der Zukunft aussehen?

Digitale Vernetzung ist wie selbstverständlich Teil des Lebens einer jeden Schülerin und eines jeden Schülers. Im Jahr 2014 kann wahrscheinlich jede Erstklässlerin besser mit Computern umgehen als Angela Merkel, jeder Zehnjährige kann seinen Großeltern sein Smartphone erklären. Die trotzdem noch bestehende Analogität des Bildungssystems kann eigentlich nur durch das Unwissen und die Angst vor Veränderung bei politisch Verantwortlichen und LehrerInnen liegen. Krude Ideen wie das Verbot der Nutzung von Facebook als Kommunikation zwischen LehrerInnen und SchülerInnen sprechen ihre ganz eigene Sprache. Die viel zitierte Idee Nico Lummas, Programmieren als zweite Fremdsprache zu implementieren ist zwar sehr sinnvoll und dringend notwendig, kann aber eine breiter angelegte Digitalisierung des Bildungssystems nicht ersetzen.

8. An jedem Ort arbeiten können und ständig erreichbar sein. Was bedeutet das für Arbeit im Digitalen Zeitalter?

Das Problem der dauerhaften Erreichbarkeit und der „Fear of missing out“ ist wirklich schwerwiegend. Wenn spätabends, nachts und frühmorgens die Gedanken nicht von der Arbeit gelöst werden können weil die beruflichen Mails auf das private Smartphone geleitet werden, konterkariert dies auf der einen Seite die arbeitsrechtlichen Bemühungen des letzten Jahrhunderts und wird zu einer Verschärfung der „Burn-out“-Problematik führen. Auf der anderen Seite hat auch die dauerhafte Erreichbarkeit Vorteile, wenn beispielsweise nach der Arbeit noch schnell ein paar Mails beantwortet werden können und der Arbeitstag am nächsten Morgen später beginnen kann. Dies setzt aber natürlich eine gewisse Flexibilität der Arbeitszeit voraus. Generell gilt auch hier: Die digitale Vernetzung ist Teil des Wandels der Arbeitswelt, nicht Auslöser des Wandels.

9. Was müssen wir im digitalen Zeitalter tun, damit unsere Wirtschaft erfolgreich bleibt?

Innovationen erlauben und zukunftsträchtige Ideen fördern. Die Vernachlässigung von Start-Ups und auch die Verdammung des digitalen Wandels sind Gründe dafür, dass es auf Jahre kein aus Deutschland stammendes Gegenprojekt zu Facebook oder Google geben wird. Menschen, die in Garagen oder Universitäten an digitalen Ideen basteln, wurden und werden als unproduktive Spinner abgestempelt, weshalb beinahe die komplette digitale Wirtschaft in Deutschland aus Dienstleistungsunternehmen wie Webdesignern besteht und nicht aus gesellschaftlich relevanten Playern wie den amerikanischen Beispielen.

10. Die Digitalisierung schafft Chancen und birgt Risiken. Von der SPD erwarte ich, dass…

…sie nicht so tut, als wäre sie jetzt plötzlich die Speerspitze einer neuen Bewegung. Manch ein prominenter Kopf unserer Partei redet von der „Digitalisierung“, als ob sie so ein cooles neues Projekt sei, das jetzt bald losgeht und das man demnach noch vollumfänglich gestalten kann. Die Digitalisierung bzw. die allumfassende Vernetzung der Wirtschaft, des Gesundheitssystems, der Bildungssysteme, der öffentlichen Daseinsvorsorge, der Verwaltungen, der politischen Akteure und eben des ganz alltäglichen Lebens sind seit Jahren im Gange. Ein Großteil der Politik hat den Prozess verpennt und seine Wichtigkeit nicht erfasst. Es ist gut und wichtig, dass die SPD jetzt eine derart breit aufgestellte und angelegte Aktion wie #digitalLEBEN gestartet hat, sie darf jedoch nicht als Kampagne missbraucht werden. Anderen Parteien zu zeigen, dass wir fast so cool sein können wie die Piraten in ihrer längst vergangenen guten Phase ist zwar verlockend, darf aber nicht das wichtigste Ziel des Prozesses ersetzen: Ein Update des parteieigenen Verständnisses von der „schönen neuen Welt“.

Johannes Jungilligens

Autor: Johannes Jungilligens

Johannes ist seit 2009 Mitglied bei den Jusos Mönchengladbach. Er lebt in Mönchengladbach und Bochum (und im Zug) und vertritt sozialdemokratische Werte nach dem Motto "Keiner kann die Welt alleine verändern (und das ist gut so)". Johannes findet, dass mit vielen guten Ideen und vielen, die mitmachen, die Gesellschaft gerechter und offener gestaltet werden kann. "Gleiche Löhne für gleiche Arbeit, faire Aufstiegschancen unabhängig von der Herkunft und freiheitliches Denken als Rahmen für die volle Entfaltung jeder und jedes einzelnen sollten selbstverständlich sein, sind es aber leider nicht. Daran müssen wir arbeiten!"

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