Die Droge Europa

erstellt am: 22.05.2014 | von: Johannes Jungilligens | Kategorie(n): Meinung

Europa ist wie eine Droge für mich. Ich mag Europa, nein: Ich liebe Europa. Und ich kann nicht einmal genau sagen, wieso. Europa macht mich irgendwie glücklich, obwohl es so viele Facetten aufweißt, die mich unglücklich machen könnten. Aber ich liebe Europa; und ich will mehr Europa. Die Süddeutsche schreibt: „In der Antike gab es sieben Weltwunder, heute gibt es nur noch eins: Das Europaparlament“. Es stimmt: Das einzige supra- und multinationale Parlament der Welt ist ein Wunderwerk. Und doch: Europa nicht nur Europaparlament, es ist noch mehr. Europa ist 70 Jahre Frieden in einer Region, die vorher jahrhundertelang von innerstaatlichen, Nachbarschafts- und Weltkriegen geprägt war. Europa ist Reisefreiheit, Europa ist Zollfreiheit, Erasmus, Strukturförderung, Kulturaustausch, Stimme in der Welt und Energiesparlampen. Europa ist Klein-Klein im ganz großen Stil und bringt große Ideen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. 

Europa  © Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

Europa
© Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

Der europäische Kontinent ist auf dem Globus winzig klein und nur jeder 9. Menscht auf der Welt lebt hier. Trotzdem gibt es kaum sonst so viele verschiedene und doch ähnliche Kulturen auf so engem Raum in so vielen verschiedenen und doch ähnlichen Ländern wie hier. Dass das ganze überhaupt irgendwie klappt, ist schon spannend genug. Dass es auch noch einigermaßen gut klappt, ist fast schon unfassbar.

Europa ist Cannabis und Heroin zu gleich, es entspannt unheimlich, weil es kaum sicherere Plätze zum Leben gibt als hier; und es lässt einen – wenn man sich das Ausmaß des Ganzen anguckt – euphorisch zurück.

Doch Europa-Euphorie und Pathos schön und gut – es gibt ja auch Schattenseiten. Um bei der Drogen-Metapher zu bleiben:

Wir dürfen Europa nicht den Dealern überlassen, die uns eine schlechte Version davon anbieten. Verschnitt, gestreckt mit Schmutz. Abgeändert durch Nationalismus und verunreinigt von menschenfeindlichen Gedanken. Dealern, die eigentlich andere Drogen verkaufen wollen und daher behaupten, die Droge Europa wäre zu teuer und mit dieser Behauptung den Preis für das Gesamtprojekt so lange ins Unermessliche treiben, bis ihre kruden Thesen Wahrheit werden.

Denn natürlich hat Europa seinen Preis, Qualität hat immer ihren Preis. So eine große Idee einfach so gratis? Gibt es nicht. Ja, zu unserem Europa gehören Regionen, die deutlich ärmer dran sind als wir. In denen Menschen tagtäglich um ihre Zukunftsperspektive kämpfen, in denen ein Ausmaß an Not und Elend, Ungerechtigkeit und Unterdrückung herrscht, das nicht nach Europa gehört. Aber die Menschen gehören hier her. Und wenn dann die reichen Regionen Europas, die, bei denen sich die Versprechungen der europäischen Idee bereits in die Realität umgesetzt haben, zu der einzigen Zukunftsperspektive dieser Menschen werden, dann ist der Preis für Europa, dass wir diese Menschen aufnehmen und nicht auf ihrem Rücken widerliche Populismusschlachten austragen.

Weltwunder: Europaparlament in Straßbourg  © Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

Weltwunder: Europaparlament in Straßbourg
© Johannes Jungilligens/fotostock.jusos-mg.de

Der Preis Europas, der Preis für Frieden, Völkerverständigung, Menschenrechte und Wohlstand kann nicht von spanischen und griechischen Jugendlichen bezahlt werden, in deren Ländern die Eliten so lange Verrat an den europäischen Idealen begangen haben, bis die goldenen Kartenhäuser zusammenfielen. Die Kosten für die Gesamtstabilität müssen von denen getragen werden, die sie tragen können. Starke Schultern und schwache Schultern, „aus großer Kraft wächst große Verantwortung“ – man muss nicht Spiderman zitieren (sollte man vielleicht auch nicht) um zu erklären, wie das Spiel läuft und wie es nur laufen kann.

Doch wie sieht es mit der Perspektive aus?

Wir müssen noch mehr Leute den Zugang zu Europa ermöglichen, noch mehr Menschen süchtig machen. Wer kann das? Nur wir selbst. Wir junge Menschen, die ein Deutschland ohne Europa nicht kennen, die nie an einer Grenzkontrolle zum Nachbarland standen, die von klein auf gewohnt sind, das Geld nicht umtauschen zu müssen, um im Urlaub bezahlen zu können. Die Generation, die weder kalten noch heißen Krieg erleben musste, die immer weitab von größeren Gefahren gelebt hat, die tatsächliche Gewalt gegen und Verfolgung von Menschengruppen zum Glück nur aus dem Fernsehen kennt. Wir können erklären, was daran so geil ist, warum der Claim „We are Europe, Baby“ so gut zu unserer Lebensrealität passt, wieso wir uns einen Schritt zurück nicht vorstellen können und wollen. Wir, die Süchtigen.

Johannes Jungilligens

Autor: Johannes Jungilligens

Johannes ist seit 2009 Mitglied bei den Jusos Mönchengladbach. Er lebt in Mönchengladbach und Bochum (und im Zug) und vertritt sozialdemokratische Werte nach dem Motto "Keiner kann die Welt alleine verändern (und das ist gut so)". Johannes findet, dass mit vielen guten Ideen und vielen, die mitmachen, die Gesellschaft gerechter und offener gestaltet werden kann. "Gleiche Löhne für gleiche Arbeit, faire Aufstiegschancen unabhängig von der Herkunft und freiheitliches Denken als Rahmen für die volle Entfaltung jeder und jedes einzelnen sollten selbstverständlich sein, sind es aber leider nicht. Daran müssen wir arbeiten!"

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1 Kommentar zu „Die Droge Europa“

  1. FJ sagt:

    Die Droge Europa also… Mein lieber Cousin, wenn das Deine einzigen Drogen sind, was machst Du dann bei den Jusos? 🙂

    Franz

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