FUCK YOU YOU FUCKING FUCK (Peer Steinbrück, sinngemäß)

erstellt am: 13.09.2013 | von: Sebastian Laumen | Kategorie(n): Meinung

Eine „beendete“ NSA-Affäre, Fehlinvestitionen in Millionenhöhe in Drohnen, offene Diskriminierung Homosexueller – und der bisher größte „Skandal“ des Wahlkampfs ist ein erhobener Mittelfinger? Wirklich, liebe Berufs-Empörer, Moralapostel, Sittenwächter, wirklich? Das meint Ihr ernst? Okay, da mach ich mit.

Peer Steinbrück zeigt Klartext

Foto: Alfred Steffen/Süddeutsche Zeitung Magazin

Peer Steinbrück, Kanzlerkandidat der SPD hat also in der originellen Interview-Reihe des Süddeutsche Zeitung Magazins „Sagen Sie jetzt nichts“ den Mittelfinger erhoben. Soweit, so skandalös. Da es auf dem Cover steht und er auch noch in die Kamera guckt und nicht visionär in der Ferne, kann man natürlich auf die Idee kommen, dass er den braven Leserinnen und Lesern diese Geste entgegen schleudert. Jeder unbescholtene Bürger sollte sich in seiner Ehre verletzt fühlen. Oder man kann es, dem Sinn des Interviews entsprechend, als Antwort auf die gestellte Frage verstehen. Für Nicht-Eingeweihte: Sinn des Interviews ist es, durch möglichst ausdrucksstarke Gesten und Mimik auf Fragen zu antworten und eben nicht zu reden.
Die Frage, die Peer Steinbrück gestellt wurde, war: „Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?“ In der übertriebenen Deutlichkeit der Geste kann man eine gewisse Ironie entdecken – wenn man denn will. Wenn man nicht will, taugt diese Geste zum gewünschten Skandal.

Doch was wären denn die alternativen Antworten gewesen? Ein lässiger Wisch über die Schulter mit einem schiefen Lächeln à la Jürgen Klopp? Das wäre aller Wahrscheinlichkeit nach als Arroganz ausgelegt worden. Eine Nichts-passiert-Merkel-Raute? Das fände ich persönlich ziemlich witzig, wäre aber wohl nicht minder arrogant rüber gekommen. Ein hilfloses Achselzucken? Das entspräche wohl kaum Steinbrücks Credo „Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage“. Und so hat er sich eben für Klartext entschieden. Hätte sich Gunter Gabriels Definition des ausgestreckten Mittelfingers als „Distanzfinger“ durchgesetzt, würde man Steinbrück wohl mangelnde Volksnähe vorwerfen. So ist es aber nicht und weil auch Menschen, die gerne Klartext sprechen, durchaus Manieren haben, bleibt nur noch Ironie als Interpretation übrig.

Also darüber kann man sich aufregen? Es wird niemand diskriminiert, es gibt kein zum Himmel schreiendes Unrecht, nicht einmal ein Auto wird falsch geparkt. Oder ist es eine der Gegebenheiten, für die im Gegensatz zu politischen Themen kein wenigstens grober Kontext nötig ist? Bei dem man einfach ohne tiefere Kenntnis der Sachlage mitreden kann? Ist es das? Sich einfach mal darüber empören, was so alles falsch läuft in dieser Welt? Oder einfach mal was zum Wahlkampf sagen? Wenn das alles ist – gern geschehen. Oder fühlen Sie sich von der Steinbrücks Antwort auf die Frage persönlich angesprochen? Woran mag das liegen?

Doch auch wenn ich die ironische Komponente ausblendet, kann ich die Geste nachvollziehen. Einige Angriffe zielten nicht auf Steinbrücks Funktion als Kanzlerkandidat, sondern auf seine Person. Diese sind genauso daneben, wie Angela Merkel wegen ihres Erscheinungsbildes, Philipp Rösler wegen seiner ethnischen Herkunft, Guido Westerwelle wegen seiner sexuellen Orientierung oder Wolfgang Schäuble wegen seiner Behinderung anzugreifen.
Es ist leider so, dass manche Menschen persönliche Beleidigungen mit politischem Diskurs verwechseln. Dafür muss man kein Verständnis haben. Natürlich kann man jetzt lapidar behaupten, dass ein Politiker sowas abkönnen muss. Doch auch Politiker müssen sich nicht jedem Angriff beugen und jedem Wutausbruch eines potentiellen Wählers Recht geben. Auch am Wahlkampfstand muss man nicht für jedes Anliegen Verständnis zeigen, auch wenn man ja weniger als Person, denn in der Funktion des Wahlkämpfers dort steht und so manchen Frust absorbiert. Das ist auch in Ordnung.  Vieles lässt sich klären oder moderieren, aber, wie es auch im Internet so ist – manchen Individuen geht es nicht um den Diskurs, sondern nur um Provokation. Wer kein Interesse an Diplomatie hat, ist mit einem ehrlichen „Fick Dich!“ garantiert besser bedient, als mit heuchlerischem Verständnis.
Und deswegen, liebe Berufs-Empörer, Moralapostel und Sittenwächter: Macht Euch mal locker. Oder um es mit dem Worten der Broilers zu sagen: „Der Stock im Arsch wird nie zum Rückgrat“ (Broilers, „Harter Weg (Go!)“).

Sebastian Laumen

Autor: Sebastian Laumen

"I ♥ MG - diese Stadt hat ihr Potential noch nicht ausgeschöpft." Sebastian betrachtet die sozialdemokratischen Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität nicht als abstrakte Richtlinien sondern als konkreten Handlungsauftrag. Er ist Mitglied der Bezirksvertretung Mönchengladbach-Nord.

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