Stürmt das Feld! – Wie aus der Zwiebel ein Pilz wurde

erstellt am: 30.06.2013 | von: Johannes Jungilligens | Kategorie(n): Meinung

„Ein Gerontensturm fegt über’s Land!“, so drückte Ditmar Wischmeyer zuletzt in der heute-show politisch nicht ganz korrekt das aus, was jedem, der einmal Mittags um 12 durch eine Innenstadt gegangen ist, aufgefallen sein muss: Es mangelt möglicherweise an einigem, jedoch sicher nicht an Rentnern.  Wer dann den Weg weiter gegangen ist und sich in Firmen und Betrieben umgesehen hat, wird auch entdeckt haben, dass es dort von einer gewissen Spezies geradezu wimmelt: Den 50 bis 65-Jährigen, liebevoll „Babyboomer“ genannt. Eine Generation, deren direkte Nachfahren wir Jugendliche und junge Erwachsene sind, eine Generation, die so groß ist wie keine je zuvor.

Diese Babyboomer definierten Deutschland neu, und sie definieren es munter weiter: Kaum eine Führungsposition, kaum ein Chefsessel, der nicht von einem Babyboomer besetzt ist; kaum ein Meister, kaum ein Chefredakteur und vor allem: kaum eine Politiker der nicht aus dieser Generation stammt. Wer zwischen 1955 und 1975 geboren ist, der wusste vor allem eins: „Ich gehören zu denen, die viele sind.“ Für diese Generationen wurden neue Schulen gebaut, die Uni-Zugangsbeschränkung per NC wurde wegen ihr eingeführt, neue Gefängnisse wurden gebaut und inzwischen auch neue Seniorenresidenzen.

Äußerst gewöhnliche Zwiebel.

Äußerst gewöhnliche Zwiebel.

Wir dagegen, wir gehören meist zu denen, die man die „geburtenschwachen Jahrgänge“ nennt. Wir sind auch viele, aber nicht so viele. Und die, die noch jünger sind als wir, sind noch weniger. Teilweise ist das gut für uns: Arbeitslosigkeit wird, wenn unsere Generation (die jetzt noch unter 35-Jährigen) den Hauptteil der Erwerbstätigen stellt, wahrscheinlich kaum noch ein Thema sein. Überfüllte Schulen? Nicht, wenn das Drumherum (Lehrerzahlen, Schulmenge) ungefähr gleich bliebe. „Demographischer Wanden“ ist das Wort der Wahl. Das, was einmal eine Zwiebel war (siehe Grafik 1) wird langsam aber sicher zum Pilz (Grafik 2). Mehr Ältere, weniger Jüngere.

Mehr Ältere, das bedeutet, dass es eine politische Mehrheit gibt. Keine linke, keine rechte, keine pro Atomkraft oder contra Atomkraft, sondern eine Mehrheit für die Interessen der Alten. Und jetzt wird’s schwierig: Niemand mit einem Hauch politischem Taktgefühl wird Politik gegen die Interessen der größten Bevölkerungsgruppe machen. Dann kann man es ja gleich sein lassen – zumal, wie eben angedeutet, ein Großteil der aktiven Politiker ebenjener Generation zugehörig ist, um die es geht. (Sie sind sozusagen „Pilzköpfe“…). Und wenn man als junger Mensch mal fragt, wie das denn alles läuft und funktioniert und so, dann fällt ganz oft das Wort „Generationengerechtigkeit“ – „Wir dürfen unseren Kindern nicht nur Müll und Schuldenberge hinterlassen“. Ja! Und was passiert? Nichts. Es gibt CDU-Wahlprogramme, in denen Wohltaten im Gegenwert von ca. 30 Milliarden Euro gemacht werden, ohne Aufzeigen von Gegenfinanzierungsmöglichkeiten.

Die Altersverteilung in Deutschland 2010.

Grafik : Die Altersverteilung in Deutschland 2010 – zwiebelförmig.

Die Mütterrente wird erhöht und die Herdprämie eingeführt, jeweils milliardenschwere Projekte, statt in KiTas zu investieren – nur, um die politischen Wünsche einer längst der Problematik entwachsenen Generation zu befriedigen.  Jeder, der die Idee von Steuererhöhungen in den Raum stellt, wird niedergeschrieben von den Journalisten, denen diese Erhöhungen wehtun würden und die gleichzeitig die Lasten der Schulden selber nicht tragen müssen. Ist das Generationengerechtigkeit?

Generationengerechtigkeit heißt, dass wir die Rente der Babyboomer bezahlen.

Generationengerechtigkeit heißt deshalb, dass IRGENDJEMAND Politik im Sinne der jungen Generation machen muss.

Grafik 2: Die geschätzte Altersverteilung in Deutschland 2060 - schon eher pilzförmig.

Grafik 2: Die geschätzte Altersverteilung in Deutschland 2060 – schon eher pilzförmig.

Wer? Wir! Und genau deshalb verbringen wir Wochenenden mit ewigen Diskussionen, stellen uns freitagabends in die Altstadt und versuchen, neben Kondomen und Flyern auch Ideen an den Mann und an die Frau zu bringen. Ideen wie die, dass es mehr europäische Integration geben muss, um die grade entstehende verlorene Generation Südeuropas nicht gänzlich in die Hoffnungslosigkeit abrutschen zu lassen (übrigens noch so ein Punkt, den wir aufgrund rückwärtsgerichteter Sparpolitik einmal mittragen dürfen..). Ideen wie die, dass es nicht nur ungerecht und menschlich schwachsinnig, sondern auch

volkswirtschaftlich gefährlich ist, ganze sozioökonomische Schichten in schlecht ausgestatteten Hauptschulen versauern zu lassen, statt sich um faire Chancen zu bemühen und damit gleichzeitig den Fachkräftemangel zu bekämpfen.

 

Junge Leute in die Politik, junge Politiker in Verantwortung, junge Ideen in die Programme!

Damit am Ende noch irgendetwas übrig bleibt, auf das unsere Generation aufbauen kann („Unseren Kindern soll es mal besser gehen“ vs. „Wenn unsere Kinder Glück haben, leben sie im gleichen Wohlstand wie wir“), müssen jetzt junge Ideen gefördert werden, jetzt Grundsteine gelegt werden, damit wir in nicht allzu ferner

So sieht es aus, wenn sich junge Leute an ihrem Freitagabend Politik um die Ohren hauen: Juso-Sitzung im Juni

So sieht es aus, wenn sich junge Leute an ihrem Freitagabend Politik um die Ohren hauen: Juso-Sitzung im Juni

Zukunft die Führungsposition und Chefsessel besetzen können, MeisterInnen, ChefredakteurInnen und PolitikerInnen werden können, ohne uns dann nur um Reparaturen an einem überlasteten System und den Schuldenabbau kümmern zu müssen. Die Generation Babyboomer, die als erste in der europäischen Geschichte fast ausschließlich in Wohlstand gelebt hat, muss lernen abzugeben. Verantwortung, Einfluss, Posten, Ressourcen.

Alles muss jung werden.

Nicht nur auf das Steuersystem bezogen reden wir immer (zurecht) davon, dass starke Schultern mehr  tragen müssen als schwache – wir werden die stärksten Schultern seit Generationen haben müssen.

(Dieser Text soll keineswegs eine Dystopie aufzeichnen oder einen Krieg der Generationen vom Zaun brechen, sondern ermutigen, sich aktiv für die politischen Belange der jungen Generation einzusetzen!)

 

Johannes Jungilligens

Autor: Johannes Jungilligens

Johannes ist seit 2009 Mitglied bei den Jusos Mönchengladbach. Er lebt in Mönchengladbach und Bochum (und im Zug) und vertritt sozialdemokratische Werte nach dem Motto "Keiner kann die Welt alleine verändern (und das ist gut so)". Johannes findet, dass mit vielen guten Ideen und vielen, die mitmachen, die Gesellschaft gerechter und offener gestaltet werden kann. "Gleiche Löhne für gleiche Arbeit, faire Aufstiegschancen unabhängig von der Herkunft und freiheitliches Denken als Rahmen für die volle Entfaltung jeder und jedes einzelnen sollten selbstverständlich sein, sind es aber leider nicht. Daran müssen wir arbeiten!"

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